Ausbau der „grünen Batterie“ Österreich ist in Gefahr
Die geplante Verdoppelung der Netzgebühren und Handelsbeschränkungen hemmen den Ausbau der Pumpspeicherkraftwerke in Österreichs Bergen – und bringen damit die europäische Energiewende ins Wanken.
Wien/Auer. Wer die Küste Südspaniens entlangfährt, bekommt einen Eindruck davon, wie Europas Energiezukunft aussehen könnte. Auf den andalusischen Bergketten drängen sich Hunderte Windräder. Doch obwohl es im Mekka der spanischen Surfer wahrlich nicht an Wind mangelt, stehen die meisten von ihnen still.
An jedem dritten Tag mussten Europas Windkraftbetreiber im Vorjahr die Produktion einstellen, weil sie für ihren überschüssigen Strom schlichtweg keine Abnehmer fanden. Herrschte hingegen Flaute, mussten Europas Atom- und Gaskraftwerke einspringen, um die Versorgung zu sichern.
So hat sich die EU ihre Energiewende wohl nicht vorgestellt. Energiekommissar Günther Oettinger drängt daher neben dem raschen Netzausbau vor allem auf Investitionen in Pumpspeicherkraftwerke. Sie sollen überschüssigen Strom dafür verwenden, Wasser einen Berg hinaufzupumpen, und, wenn Wind- und Sonnenkraft einmal auslassen, das Wasser wieder hinunterzuschicken und so wiederum Strom zu produzieren. In keinem anderen Land sind die Voraussetzungen für Pumpspeicherkraftwerke so gut wie im alpinen Österreich – zumindest in der Topografie. Doch politische Hürden gefährden den Ausbau der „grünen Batterie“ Österreich, warnt die heimische Energiewirtschaft.
Wettbewerbsvorteile vernichtet
Dass die alpinen Stromspeicher dringend benötigt werden, bezweifelt auch hierzulande kaum jemand. Spätestens wenn bis 2030 europaweit Windräder mit 350Gigawatt installierter Leistung ans Netz kommen – das entspricht etwa der halben Kapazität aller fossilen und erneuerbaren Kraftwerke heute – braucht Europa einen Weg, die unregelmäßige Produktion von Windstrom auszugleichen. Pumpspeicher in Österreich wären derzeit die kostengünstigste und effizienteste Variante. Doch politische Entscheidungen würden die Wettbewerbsvorteile gegenüber den Nachbarländern zusehends verringern, so das Ergebnis einer Studie von Frontier Economics.
Während Pumpspeicherkraftwerke in Deutschland, Italien oder der Schweiz etwa keine Netzgebühren bezahlen müssen, sieht die E-Control-Kommission für 2012 unter anderem eine Verdoppelung der Leistungsgebühren auf zwei Euro je Megawatt im Monat vor. In Summe ergebe das eine Mehrbelastung zu heuer rund 30, in Einzelfällen bis 40 Prozent, sagt Karl Heinz Gruber, Spartensprecher der Lobbygruppe „Oesterreichs Energie“. Für 2013 sei angeblich eine weitere Verdoppelung im Gespräch.
Bleibt es bei der Kostenbelastung, könnten sich geplante Projekte bald nicht mehr rechnen und Investoren das Interesse verlieren, warnte Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber. Die geplanten Kraftwerke LimbergIII, Jochenstein-Riedl und Reißeck seien dadurch zwar „belastet, aber nicht gefährdet“. Ob man bestehende Kraftwerke aber weiter ausbaue, müsse man „ernsthaft überlegen“, sagte Gruber. Auch der Energie-Regulator ist mit dem Vorschlag der Kommission nicht glücklich. „Wir plädieren dafür, die Tarife nicht anders zu gestalten als bisher“, sagt Martin Graf, Vorstand der E-Control, zur „Presse“ – und stellt weitere Verhandlungen in Aussicht.
Kein kurzfristiger Handel möglich
Noch eine zweite Hürde hindert Österreichs Stromspeicher, ihr Potenzial auszuschöpfen. Mit einer Anlaufzeit von 90 bis 120Sekunden können Pumpspeicherkraftwerke Lücken in der Stromversorgung schneller schließen als alle anderen Kraftwerke. Steht der Speicher aber in Österreichs Alpen, bringt das nur wenig, da die Betreiber den Strom nicht kurzfristig, sondern nur mit einem Tag Vorlaufzeit ins Ausland verkaufen können. Kurzfristig Flauten abfangen können die heimischen Pumpspeicher so freilich nicht. Auch dieses Problem ist der E-Control nicht unbekannt. Der Regulator sieht sich aber auf einem guten Weg, die Harmonisierung der Marktregeln – wie vorgesehen – bis ins Jahr 2014 zu schaffen.
(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 23.11.2011)
