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Warum steigt der Strompreis für Verbraucher?

An der Leipziger Energiebörse EEX schwanken die Strompreise in den letzten Monaten beträchtlich. Für die Industrie wird Energie günstiger. Steffen Höhne sprach mit Börsen-Chef Peter Reitz über Spekulation, die Rolle der Finanzinvestoren und Marktverzerrungen.

An der Leipziger Energiebörse sinkt der Strompreis. Warum müssen die privaten Haushalte für Strom dann immer tiefer in die Tasche greifen?

Reitz: Was wir an der EEX organisieren, ist ein Großhandelsmarkt. Die Preise werden bestimmt durch Angebot und Nachfrage. Es ist richtig, dass die Strompreise an der EEX in den vergangenen Monaten rückläufig waren. Davon profitieren unsere Handelsteilnehmer – unter anderem die Stadtwerke, die bei uns Strom beschaffen. Am Ende wird sich dies auch für die privaten Haushalte auszahlen. Wir dürfen allerdings nicht außer Acht lassen, dass der Endkundenpreis durch Netzkosten und die Umlage für erneuerbare Energien bestimmt wird. Diese Zulagen sind gestiegen. Der Großhandelspreis, der Preis für die reine Ware Strom, macht weniger als ein Drittel des Endverbraucherpreises aus.

Die Großindustrie ist von vielen staatlichen Abgaben befreit, diese bezieht nun billiger Strom?

Reitz: Es ist richtig, dass auch große Stromverbraucher direkt an unseren Märkten aktiv sind und dann auch von sinkenden Einkaufspreisen für Strom profitieren.

An der EEX schwankt der Strompreis erheblich – manchmal um das Zehnfache und mehr. Macht Ihnen das Sorge?

Reitz: Es stimmt, die Preise schwanken von Tag zu Tag und Stunde zu Stunde – vor allem am physischen Spotmarkt. Bedingt durch die erneuerbaren Energien schwankt die Angebotsseite etwa, weil nicht immer die Sonne scheint oder der Wind bläst. Aber auch auf der Nachfrageseite gibt es große Ausschläge. An Feiertagen wird sehr wenig Strom verbraucht. Für viele Marktteilnehmer sind aber die durchschnittlichen Preise entscheidend.

Haben die Schwankungen in der letzten Zeit zugenommen?

Reitz: Dies kann man schwer in Prozentzahlen fassen. Der zunehmende Anteil an erneuerbaren Energien führt aber zu Marktveränderungen. Die Betreiber von Windkraft- oder Solaranlagen erhalten über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine feste Vergütung. Der Strom selbst wird von den Netzbetreibern über die Börse vermarktet – dieser kann auch zum Nulltarif verkauft werden. Je mehr Öko-Strom angeboten wird, umso stärker sind die Preise unter Druck.

Es gibt sogar Zeiten mit negativen Strompreisen. Das heißt, der Stromkäufer bekommt noch Geld für die Abnahme. Ist die Börse da noch ein effektiver Marktplatz?

Reitz: Negative Strompreise am Spotmarkt der EPEX gibt es hin und wieder. Allerdings nie für einen längeren Zeitraum. In diesem Jahr gab es bisher an sieben Tagen für einzelne Stunden negative Preise. Es handelt sich um eine natürliche Marktreaktion und ist leicht erklärbar. Zum Beispiel hat der Betreiber eines Gaskraftwerkes fixe Kosten, die Anlage hoch und runter zu fahren. Sinken die Preise an der Börse unter seine Produktionskosten, muss er überlegen, ob es sich etwa für eine Stunde rechnet, sein Kraftwerk abzuschalten. Es kann günstiger sein, mit Verlust zu verkaufen als die Kraftwerksleistung zu drosseln.

Die Unternehmen, die an der Börse handeln, müssen sich gegen schwankende Preise absichern. Viele Finanzinvestoren sichern Risiken ab, indem sie Wetten eingehen. Ist es die Stunde der Spekulanten?

Reitz: Spekulant ist ein negativ belastetes Wort. Wenn ein Kraftwerksbetreiber heute seinen Strom für 2013 zu einem festen Preis von sagen wir 100 verkauft, dann spekuliert er auch. Denn der Preis könnte dann auch bei 120 liegen. Das Absicherungsgeschäft, das sowohl von Kraftwerksbetreibern als auch von Finanzhäusern betrieben wird, hat immer eine spekulative Komponente.

Die Finanzinvestoren sind anders als Kraftwerksbetreiber und Standwerke oft nur an der Wette interessiert. Sie haben ja gerade ein Büro in London eröffnet. Nimmt die Zahl der Finanzhäuser wie Hedge-Fonds zu, die an der EEX Handel treiben?

Reitz: Nein, wir haben keinen einzigen Hedge-Fonds, der bei uns direkt handelt. Allerdings sind Finanzhäuser wichtig für eine Börse. Sie sind bereit, Risiken aufzunehmen, die andere Marktteilnehmer – zum Beispiel Versorger – absichern möchten. Diese verschiedenen Handelsmotivationen sorgen dafür, dass der Markt liquide bleibt. Davon profitieren alle Marktteilnehmer. Im Übrigen sitzen in London nicht nur Banken, sondern auch große Handelsabteilungen von Energiekonzernen wie beispielsweise EdF und RWE.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Preise an der EEX einmal exorbitant in die Höhe schießen?

Reitz: : Das ist schwer vorherzusagen. Aber selbst wenn in einzelnen Stunden der Preis stark steigen würde, bekäme der Kunde eines Stadtwerkes davon nichts mit. Entscheidend sind die durchschnittlichen Preise über einen längeren Zeitraum.

Also sind Sie zufrieden mit der Entwicklung?

Reitz: Unserer Ansicht nach muss die derzeitige Förderung der erneuerbaren Energien perspektivisch umgestellt werden. Windkraft- und Solaranlagenbetreiber erhalten eine feste Vergütung – unabhängig vom Marktpreis. An der Börse wird der Ökostrom dann aber ohne Bezug zu den Kosten der Vergütung und dem tatsächlichen Bedarf billig angeboten. In der Folge kommen Betreiber konventioneller Kraftwerke weniger zum Zuge und investieren weniger. Der notwendige Bau neuer flexibler Kraftwerke unterbleibt, doch diese sind wichtig, damit auch in wind- und sonnenschwachen Zeiten ausreichend Energie zur Verfügung steht.

Was schlagen Sie vor?

Reitz: Auch die erneuerbaren Energien müssen mehr in den Markt integriert werden. Windstrom könnte wie Strom aus Gas oder Kohle vermarktet werden. Zusätzlich könnten die Besitzer etwa von Windkraftanlagen noch eine staatliche Prämie erhalten. Dieses Modell gibt es bereits, noch sind dabei die staatlichen Ausgleichszahlungen sehr hoch.

Über die EEX wollen Sie künftig auch reine Ökostrom-Produkte vermarkten. Wann soll es losgehen – noch 2012?

Reitz: Wir arbeiten daran. Es gibt aber noch keinen genauen Starttermin.

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22.7.2012

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